Manchmal ist die Schweiz ein Vorbild + Androcur-Review

jedenfalls dann, wenn man liest, wie dort Gesundheitspolitik rational und bildungsorientiert Menschen den Zugang zu zentralen medizinischen Informationen ermöglicht. Seit kurzem ist es nämlich für die Bürger der Schweiz möglich, bei Cochrane kostenfrei zu recherchieren und die Datenbank von Cochrane zu durchforsten. Wie wäre es, wenn unsere Gesundheitspolitiker sich auch dafür stark machen, dass jeder Bundesbürger Zugang zur Cochrane-Datenbank bekommt? Und wie wäre es, wenn man ein deutschsprachiges Pubmed-Angebot unterstützt, d.h. einen Übersetzungsdienst für Pubmed zusammen mit den USA organisiert, damit alle dortigen Studien auch in deutscher Sprache lesbar sind? Auch für transsexuelle/transidente Menschen und Transgender, die med. Hilfe (HRT…) suchen, braucht es gute Forschung. Die internationale, interdisziplinäre Konferenz in Frankfurt war ein wichtiger Beitrag dazu.

Angesichts vieler Krankheiten wird ja oft spekuliert, was wirklich hilft. Cochrane und GRADE (Grade Working Group) sind im Blick auf Krankheiten bzw. Therapieverfahren so etwas wie der TÜV der Medizin.
Nebenbei: Dr. Iris Hinneburg hat eine sehr informative Übersicht bzw. eine Einführungsserie zur Arbeit von GRADE in ihrem Blog veröffentlicht, die ich all denen empfehle, die nach einer allgemeinverständlichen Einführung in die Arbeit von GRADE suchen.
Die bei Cochrane in der Datenbank aufgenommenen Studien und die von GRADE entsprechend eingestuften Arbeiten sind unabhängig von Lobbyisteninteressen und daher besonders wichtig für die Allgemeinheit – zum Beispiel im Blick auf die Frage, welche Ursachen Diabetes (Typ 2) hat – oder welche Unterstützung TS/TI/TG brauchen und was medizinisch gesehen hoch riskant ist (z.B. die Verschreibung von CPA) und daher nicht empfehlenswert. Um Forschungsergebnisse lesen zu können, braucht es ZBMed (#keepzbmed)! Daher sollte man die Schließung von ZBMed verhindern und sich informieren!

Die evidenzbasierte Medizin ist auch in vielen anderen Bereichen der Gesundheitspolitik zu fördern. Denn manches, was in Apotheken verkauft wird (z.B. Globuli / Homöopathie) und manche „alternativen Heilverfahren“ entsprechen in keinster Weise den Heilsversprechen, die von Lobbyisten und Marketingexperten vollmundig gegeben werden. Wie stark der Einfluss von Lobbyisten auch auf Ärzte ist, sieht man an einem Beitrag der Tagesschau-Redaktion von heute – dem Tag, an dem ein Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen im Bundestag verabschiedet werden soll. Der Tagesspiegel berichtete ausführlich, wie Parteien das Gesetz entschärft haben – anscheinend ist auch dort der Einfluss von Lobbyisten weiterhin groß:

„Die Verletzung heilberufsrechtlicher Unabhängigkeitspflichten sollte plötzlich nicht mehr geahndet werden.“, so der Tagesspiegel.

Die Aachener Zeitung zitierte den Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch mit den Worten:

„Was zum Schutz der Patienten gedacht war, entpuppt sich jetzt als Wettbewerbsstärkungsgesetz für Pharmaunternehmen, Ärzte und Apotheker. Patienten müssen weiter fürchten, korruptem Verhalten ausgeliefert zu sein”

Vielleicht wäre es ja hilfreich, wenn das Consumer Netzwerk von Cochrane und Stiftungen, die Bildungsarbeit fördern, dazu beitragen, dass Bürgerinnen und Bürger in unserem Land zum Beispiel in Volkshochschulkursen etwas über evidenzbasierte Studien und die Art, wie Cochrane kritisch Studien prüft, erfahren und in die Bildungspläne der Länder das Thema „evidenzbasierte Forschung und ihre Bedeutung für die Bürger_Innen“ aufgenommen wird? Sehr konkret arbeitet inzwischen trans-evidence im Bereich der evidenzbasierten Medizin, denn trans-evidence hat ein

Androcur-Review bei Cochrane registriert.

Die Trans-Evidence Gruppe hat ein neues Review-Projekt aufgesetzt. Ziel dieses Projekts ist die Überprüfung des Nutzens und der Risiken von Androcur bei transitionierenden transsexuellen Frauen im Rahmen der HRT. Ein entsprechendes Projekt war bei der Cochrane Collaboration an der Universität Oxford (GB) beantragt worden. Die zuständige Reviewgroup in Oxford hat das Projekt anerkannt und als Cochrane-Review-Projekt registriert. Besondere Anerkennung fand beim beim Schweizer Cochrane-Zentrum (welches das Projekt fachlich beratend mitbetreut), dass die Mehrheit der Review-Projektmitarbeiter_innen selbst Betroffene sind und dass hauptsächlich Menschen aus der Transcommunity dieses Projekt gestalten. Sexologische Fachgesellschaften sind bei diesem Projekt nicht involviert.
Das Ziel von Trans-Evidence ist grundsätzlich die Entwicklung einer evidenzbasierten Medizin primär zum Nutzen für transsexuelle Menschen, abseits und unabhängig von traditionellen, eminenzbasierten sexualpsychiatrischen Intentionen und Aktivitäten. In Zukunft wird – vorangetrieben durch aufgeschlossene international vernetzte universitäre Arbeitsgruppen (unter Beteiligung der Transcommunity) – eine Reihe von evidenzmedizinischen Projekten abgearbeitet, um der Transforschung im Sinne der evidenzmedizinischen Anliegen der Betroffenen neue Impulse zu geben. Darunter werden sich auch Projekte mit primär ethischen Fragestellungen befinden, z.B. bezüglich des sog. Alltagstests oder der sexualpsychiatrischen Doppelbegutachtung. Auch die medizinische Dienste von Krankenkassen werden zunehmend fachlich reflektieren dürfen, ob und inwiefern das uneingeschränkte Festhalten an eminenzbasierten „Richtlinien“ dem evidenz- und versicherungsmedizinischen State of the Art entspricht.
Auch dieser Cochrane-Review stellt quasi die evidenzbasierte Ouvertüre zu einer Wende im wissenschaftlichen Diskurs rund um medizinische Transthemen dar.

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