warum der Begriff der „Geschlechtsidentitätsstörung“

der Vergessenheit anheimfallen sollte? 1. Er pathologisiert transsexuelle Menschen. 2. Er entspricht nicht den neurowissenschaftlichen Ergebnissen, wonach das entscheidende Merkmal des Geschlechts im Gehirn zu finden ist (und nicht etwa in den Chromosomen eines Menschen oder gar am Genital ablesbar sind) und transsexuelle Menschen eine Normvariante darstellen. Die Selbstwahrnehmung eines Menschen auf Grund seines Hirngeschlechts als „Störung“ darzustellen, wertet diesen aber gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung ab, stigmatisiert ihn und beschreibt ihn als eine Art „Maschine, die eine Störung“ hat. Das entspricht nicht einem würdevollen Umgang mit transsexuellen Menschen und auch nicht einer neurowissenschaftlichen Sicht des Sachverhaltes. Neurowissenschaftlich gesehen gibt es nämlich keineswegs eine klare „Norm“ im Blick auf das Hirngeschlecht, sondern unendlich viele Hirngeschlechtsvarianten, wie Dr. Haupt in seiner neuesten Publikation (Printversion) hier schreibt. Doch schon 2010 konnte man deutliche Kritik am Begriff „Geschlechtsidentitätsstörung“ im Blog von Dr. Haupt finden:

Stattdessen beteiligt sich die Mehrheit der Behandler_innen an stigmatisierenden Etikettierungsprozessen a la Geschlechtsidentitätsstörung (Abkürzung „GID“), verbiegt gesellschaftlich bedingtes psychisches Leid zu innerlichen psychischen Prozessen, die nur noch in homöopathischen Dosen etwas mit der gesellschaftlichen Situation zu tun haben. Die massive Diskriminierung und Transfeindlichkeit samt ihren psychischen Auswirkungen wird also von Therapeut_innen psychisiert und damit verharmlost. (Quelle: Medizin ohne Menschlichkeit?)

Auch Prof. Dr. Rauchfleisch sieht kritisch auf den Begriff der Geschlechtsidentitätsstörung und die damit verbundene Pathologisierung und bemerkt, wie schnell solche Prozesse ablaufen, wenn man mit transsexuellen Menschen zu tun hat. Dann kommt der Gedanke auf,

„… eine solche Person müsse krank sein. Es sei doch nicht normal zu sagen, man gehöre dem anderen Geschlecht an. […] Dies sind aber nicht nur häufig anzutreffende Argumente von Menschen aus dem sozialen Umfeld […], sondern finden sich auch im wissenschaftlichen Bereich, wo »Transsexualität« nach wie vor von etlichen Vertreterinnen und Vertretern der Psycho-Fächer als Geschlechtsidentitätsstörung bezeichnet wird.“ (Anne wird Tom, S. 24)

Etwas weiter hinten problematisiert Rauchfleisch die Diagnostik und Einordnung von Transsexualität:

„Ein anderer international gebräuchlicher Diagnosekatalog, das DSM-IV-TR, hingegen verwendet den Begriff »Transsexualität« nicht, sondern spricht von einer »Geschlechtsidentitätsstörung « (aber auch hier unter den psychischen Störungen subsumiert).“ (ebd. S.32)

Demgegenüber betont er in der 4. Auflage seines Buches „Transsexualität – Transidentität“: „Transidentität ist eine Normvariante und hat selbst nichts mit Gesundheit und Krankheit zu tun. (S. 206) Deshalb fordern viele transsexuelle Menschen in der Waldschlösschen-Erklärung ein Ende der Psychopathologisierung und im Landshuter Modell eine neue WHO Klassifizierung von Transsexualität (statt ICD-F Bereich sollte Transsexualität in ICD-Q eingeordnet werden).

Update 15.1.2015: Wie weit die Psychopathologisierung führen kann, sieht man in Russland. Dort haben transsexuelle Menschen Probleme im Blick auf den Führerschein. Der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs kritisierte in einem Blogbeitrag vom 12.1.2015 die Verordnung 1604 mit den Worten: „Immer, wenn man denkt, es könne nicht mehr dümmer kommen, überrascht jemand mit einem neuen Tiefpunkt menschlicher Intelligenz. Was die russischen Behörden im Bezug auf Fahrerlaubnisse durchsetzen wollen, ist so fernab des gesunden Menschenverstandes, dass es wie der schlechte Scherz einer drittklassigen Satiresendung klingt.“

Update: Auch die Psychotherapeutin Cornelia Kunert hielt im Herbst 2015 einen Vortrag mit dem Titel: „Transsexuelle sind nicht krank und müssen nicht vor sich geschützt werden.

Update: Auch der Begriff der „Persönlichkeitsstörung“ wird innerhalb der Psychologie zunehmend kritisiert, wie man bei Sponsel nachlesen kann.

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