Es gibt immer noch Menschen,

die Transsexualität mit Transvestismus verwechseln oder meinen, man würde sich entscheiden, als transsexuelle Frau zu leben. Das dem nicht so ist, zeigen viele verschiedene wissenschaftliche Studien, die deutlich machen: Für die Sexualität und die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts zählt das Hirngeschlecht mehr als alle anderen Geschlechtsmerkmale. Transsexueller Menschen, aber auch Männer mit Gynäkomastie, Frauen nach einer Gebärmutterentfernung wissen trotzdem sehr genau, wer sie sind – weil ihr Hirngeschlecht ihnen ihre Geschlechtsidentität deutlich macht.

Weil die Selbstwahrnehmung der Geschlechtsidentität im Hirngeschlecht verankert ist, ist es Vorraussetzung für ein Verständnis und eine gerechte Behandlung transsexueller Menschen, dass Cis-Menschen verstehen, was der Begriff „Hirngeschlecht“ meint.

Etliche Studien aus der Hirnforschung zeigen, dass Dr. Horst Haupts Rede vom „Hirngeschlecht“ es sehr gut auf den Punkt bringt, wenn er damit erklärt, was Transsexualität ist.
In seinem Aufsatz „Das Urteil“ zeigt er, wie Hirnforschungsergebnisse sich eigentlich auch bei den Entscheidungen von Gerichten auswirken müssten, wenn sie denn mal gelesen werden würden… – und für alle, die wenig Zeit für eine längere Lektüre haben, empfehle ich die Kurzfassung seines Aufsatzes „Sie sind ihr Gehirn“, die bei der Fachkonferenz Trans*Identitäten am 18.10.2012 von ihm unter dem Titel „Sie sind ihr Gehirn – Transsexualität im Spannungsfeld von Neurowissenschaft und Transphobie“ als Vortrag gehalten wurde.
Hier einige neuere Studien, die zum Verständnis transsexueller Menschen beitragen können, weil sie evidenzbasiert sind:

  • Rametti G, et al., The microstructure of white matter in male to female transsexuals before cross-sex hormona…, Journal of Psychiatric Research (2010), doi:10.1016/j.jpsychires.2010.11.007
  • Alternating gender incongruity: A new neuropsychiatric syndrome providing
    insight into the dynamic plasticity of brain-sex; Laura K. Case, Vilayanur S. Ramachandran (2012) – in diesem Aufsatz geht es um „Bigender“ – das sind Menschen, die sich mal als Frau, mal als Mann wahrnehmen. Der Aufsatz baut auf die Ergebnisse über Phantomwahrnehmungen, die Ramachandran früher publizierte (s. unten), auf.
  • Androgen Receptor Repeat Length Polymorphism Associated with Male-to-Female Transsexualism (2009) fasst aktuelle Studien zum Thema TS zusammen und erklärt, welche Bedeutung Androgen Rezeptoren für die Entwicklung von TS haben. Lauren Hare erklärt darin in dieser breit angelegten Studie, „dass transsexuelle Frauen genetische Varianten aufweisen, die für biologische, weibliche Geschlechtsausrichtung verantwortlich sein könnten, indem die Testosteronwirkungen auf das embryonale Gehirn vermindert/abgeschwächt wird, das Gehirn als weiblich bleibt und keiner Maskulinisierung unterworfen wird.“ (Zitat und engl. Orginialzitat in Dr. Horst Haupt, Sie sind ihr Gehirn, S. 21). D.h. das Vorhandensein eines Y-Chromosoms sagt nicht viel aus im Blick auf die Frage, ob jemand Mann oder Frau oder … ist.

  • Male-to-female transsexuals show sex-atypical hypothalamus activation when smelling odorous steroids. (2008) „the data implicate that transsexuality may be associated with sex-atypical physiological responses in specific hypothalamic circuits, possibly as a consequence of a variant neuronal differentiation.“ 
  • Vilayanur Ramachandran, McGeoch, P.D. (2008): Phantom Penises In Transsexuals. Evidence of an Innate Gender-Specific Body Image in the Brain. Journal of Consciousness 15, Nr. 1, 5-16. Abstract hier bei Medline. Ramachandran forscht an der Universität von San Diego  über das Phänomen der Synästhesie. In dieser Arbeit geht es um Phantomglied-Körperwahrnehmungen. Mehr dazu in Dr. Horst Haupt, „Sie sind ihr Gehirn“, S.22-27.
  • den vorgeburtlichen Einfluss von Alfa-Fetoprotein zeigt diese Studie (und da die Hirnentwicklung des Stammhirns bei Säugetieren ähnlich verläuft, ist sie m.E. ein Indiz dafür, dass ähnliches auch beim homo sapiens passieren kann…
  • das „Zwillingsprojekt von Minnesota“ weist sehr deutlich auf den Einfluss von Genen auf die Entwicklung von Hirnstrukturen hin.
  • The brain is the master organ in sexual function: central nervous system control of male and female sexual function. (1999)
  • einen früheren Beitrag etlicher Wissenschaftler (Zhou, Hofman,Gooren, Swaab) zum Thema TS und Hirngeschlecht findet man hier: A sex difference in the human brain and its relation to transsexuality. (1995)
  • es gibt noch viele andere Studien zum Thema, die unter anderem in der Broschüre Warum sind manche Menschen transsexuell? der ATME e.V. erwähnt werden und die man auf der ATME Website downloaden kann. Diese Broschüre ist ebenfalls sehr lesenswert und gut lesbar.
  • eine ausführliche Übersicht von englischen Artikeln zum Thema Neuroforschung und Transsexualität findet man in diesem englischen Blog von Cara Ramsey, die sich auch sehr für dieses Thema interessiert.
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