von fließenden Übergängen zwischen Mann und Frau

spricht Prof. Dr. Sabine Hark in einem lesenswerten Artikel des Tagesspiegels vom 19.11.2009 – sie sagte: „Anders als früher von der Medizin behauptet, gibt es eben nicht nur zwei mögliche Körper, sondern ein Kontinuum. Dazu gehören verschiedene Chromosomensätze neben XX und XY sowie allerlei Variationen: Chromosomales, genitales, hormonales und gonadales Geschlecht können in ganz unterschiedlicher Weise zusammenfallen. Der Sport hat das schon anerkannt.“
Das bedeutet: Heute ist es keineswegs so klar, wie vor 100 Jahren, was „Geschlecht“ bzw. „Mann“ oder „Frau“ eigentlich genau ist. Es macht auch keinen Sinn, von „3“ Geschlechtern statt von „2“ zu sprechen, da selbst diese Einordnung einer wissenschaftlichen Sichtweise nicht mehr standhält.

Ganz ähnlich erleben es transsexuelle und intersexuelle Menschen: Die klare Zuordnung zu „Mann“ oder „Frau“, die bei der Geburt auf Grund des Genitalgeschlechts versucht wurde (und die unendlich leidvolle Geschichte von ärztlich durchgeführten aber von intersexuellen Menschen ungewollten Genitaloperationen kurz nach der Geburt) scheitert eben daran, dass das Geschlecht keineswegs nur als „Genitalgeschlecht“ definiert werden sollte (wie es leider immer noch oft geschieht), sondern man endlich einmal lernen sollte, wie moderne Wissenschaftler heute Geschlecht definieren: Nämlich primär als Hirngeschlecht (mehr dazu in „Sie sind ihr Gehirn“, S. 20, einem wichtigen Aufsatz vom Neuropsychologen und Psychiater Dr. H. Haupt), das Vorrang in allen Überlegungen vor dem Chromosomen- oder gar Genitalgeschlecht haben sollte. Nur dann, wenn hier ein Paradigmenwechsel einzieht und die neurowissenschaftliche Sicht in der Gesellschaft anerkannt wird, wird es für transsexuelle Menschen einfacher werden. Gut, dass der deutsche Bundestag zumindest den Zwang zur Eintragung eines eindeutigen Geschlechtsmerkmals direkt nach der Geburt bei intersexuellen Menschen aufgehoben hat!

Dass die Beschäftigung mit dem Thema Transsexualität dann auch Folgen im Blick auf die Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe haben muss, steht auf einem anderen Blatt – aber klar ist: Wer erkennt, wie unklar unsere Rede von „Mann“ und „Frau“ inzwischen ist, weil die biologisch-wissenschaftlichen Fakten inzwischen anders aussehen als noch vor hundert Jahren, der wird nicht umhin können, auch juristische Folgerungen zu ziehen – das Bundesverfassungsgericht hat das im Blick auf die Ehe transsexueller Menschen in eine bahnbrechenden Urteilen im Jahr 2008 und 2011 bereits getan (vgl. dazu den ZEIT Artikel:  http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-01/transsexuelle-lebenspartnerschaft-urteil?commentstart=9#cid-4538853 samt meinem Kommentar vom 5.3.2015) – ebenso die Zeitschrift Focus zum Urteil von 2008: „Es sei verfassungswidrig, dass verheiratete Transsexuelle sich für die rechtliche Anerkennung ihres neuen Geschlechts erst scheiden lassen müssten, hieß es in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluss des Gerichts.“ Noch spiegelt sich allerdings in den Urteilen nicht die neurowissenschaftliche Erkenntnis, sondern die nicht evidenzbasierte medizinische Sicht von Transsexualität, die der MDS derzeit noch anwendet.

Sehr lesenswert im Blick auf die Uneindeutigkeit von Geschlecht ist der Artikel des Stern: „Das Dilemma mit der geschlechtlichen Uneindeutigkeit ist überwältigend…“ und etwas weiter im Artikel über Familie „Reuter“: >>Man denkt, da kommt man gleich in einen Topf mit […] Transsexuellen und fragt sich: ‚Mit wem werde ich da in eine Schublade gesteckt?‘ Das sind Leute, die bisher immer weit weg waren.“ Bald merken die beiden, dass dies genau die Art Vorurteil ist, vor dem sie sich selbst fürchten: „Ach so, die haben sich das auch nicht ausgedacht, um die Welt zu ärgern! Die wollen einfach nur sie selber sein.<<
Vielleicht setzt sich im Laufe der Zeit ja die neurowissenschaftlich aufgeklärte Sichtweise durch, wenn Bildungspläne nicht mehr weiter von abstrus argumentierenden Bildungsplangegnern torpediert werden, sondern Sachlichkeit und die Frage dominieren würde: Was wäre, wenn mein Kind/Partner intersexuell oder transsexuell ist? Wäre es nicht besser, wenn ich bereits in der Schule etwas darüber gelernt hätte? Familie Richter hätte es sicherlich geholfen…

Ein weiterer Beitrag zum Thema Genetik ist hier im Blog zu finden…

Im Blick auf die Frage, wie weit die Gene uns Menschen vorherbestimmen und wie Biologen dazu in den letzten Jahren Neues entdeckt haben, findet man in der ZEIT einen gut verständlichen Artikel von Ulrich Bahnsen.

UPDATE
Sehr lesenswert für die, die biologische Fakten interessieren, ist ein Artikel auf http://www.spektrum.de aus dem Jahr 2015 (5.3.2015): http://www.spektrum.de/news/die-neudefinition-des-geschlechts/1335086 – denn: „Unsere Vorstellung von zwei Geschlechtern ist allzu simpel – nicht nur aus anatomischer, sondern auch aus genetischer Sicht.“ (Claire Ainsworth – übersetzt aus Nature 518, S. 288-291, 2015.)

Update 7.7.2016: Die Neue Züricher Zeitung brachte gestern einen sehr lesenswerten Artikel unter der Überschrift: „Zu schnell für eine Frau?“ über das Dilemma, dass im Sport verzweifelt an den binären Geschlechterkategorien festgehalten wird, obwohl diese wissenschaftlich gesehen (erwähnt wird dazu die Biologin Sigrid Schmitz und die Soziologin Nina Degele) überholt sind. Im Artikel wurde das Schicksal der Leichtathletin Caster Semenya beschrieben, deren Testosteronwerte höher waren als bei anderen Frauen.

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