müssen eigentlich Menschen „eindeutig zugeordnet“ werden?

Diese Frage stelle ich mir, wenn ich in Aufsätzen die Formulierung lese, dass transsexuelle Menschen „körperlich eindeutig“ Mann oder Frau sind. Was mir dabei fraglich ist, ist die Meinung, dass aus Sicht der Autoren das sogenannte „biologische Geschlecht“ bzw. die „Biologie“ oder die „Natur“ normativen Charakter haben soll bzw. eine besondere Bedeutung gegenüber anderen möglichen Grundlagen zur Gewinnung von Normen und Recht habe.
Deshalb muss ja laut Meinung mancher „Experten“ ein Chromosomentest anscheinend diese „Sicherheit“ im Blick auf eine Diagnose von Transsexualität herstellen. Was aber, wenn dadurch künftig evtl. bestimmte Kinder, die nicht einer Ideal-Norm-Vorstellung entsprechen, abgetrieben werden, weil ein entsprechender Test eine „eindeutige Zuordnung“ angeblich ermöglichen kann?

Was mir im Laufe der Zeit im Blick auf den Begriff der Biologie immer deutlicher wurde: Je mehr man sich mit der Frage der Biologie bei transsexuellen Menschen beschäftigt und je genauer man fragt, worin sich denn Männer und Frauen biologisch wirklich genau unterscheiden, desto schwieriger wird m.E. eine eindeutige Antwort. Das sieht man m.E. gut wenn man epigenetische Fragestellungen und Forschungsergebnisse (z.B. von Dr. Timo Nieder) in den Blick nimmt, die den Zusammenhang von Genen und Transsexualität keinesweg so „eindeutig“ darstellen. Ebenso findet man im Blick auf die Frage nach dem Hormongeschlecht im Internet Hinweise, dass es da keineswegs eine „Eindeutigkeit“ gibt, sondern allenfalls mathematisch errechnete Mittelwerte von Hormonwerten bzw. Relationen von Östrogen/Testosteron… bei Männern und Frauen aber eben zum Teil mit gravierenden Abweichungen (z.B. wenn von „Östrogendominanz“ in Artikeln die Rede ist und von den Möglichkeiten, die Progesteron bietet…).

Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch von Prof. Dr. Thomas Laquer: Auf den Leib geschrieben – Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Auch wenn es momentan nur antiquarisch erhältlich ist, fand ich es sehr anregend, von einem Historiker und Sohn eines Pathologen eine Medizingeschichte des Geschlechtsbegriffes zu lesen und den Einfluss der Aufklärung auf unser Weltbild und insbesondere den Geschlechtsbegriff besser zu verstehen. Auch die Kritik an seinem Ansatz, die man in deutscher Sprache bei Wikipedia findet, ist lesenswert, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Beobachtung Laquers zum hermeneutischen Problem, wenn man von „Geschlecht“ bzw. „Biologie“ redet.

Trotz solcher grundsätzlichen Überlegungen finde ich den Artikel „Erst heute lebe ich so, wie ich bin“ von Katharina Baumann auf TGNS lesenswert und empfehle ihn gerne weiter.

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