braucht unsere Gesellschaft neue Feindbilder?

oder mehr praktisch vorgelebte Nächstenliebe kombiniert mit Barmherzigkeit, wie es Micha 6,8 letztlich als Zusammenfassung des Alten Testaments vormuliert und wie es Prof. Dr. Jörg Barthel in einer Bibelarbeit sehr plastisch darlegt? Die Fernsehvorschau machte mich neugierig, denn ARTE berichtet demnächst über Abdul Sattar Edhi, der in Pakistan anscheinend diese Eigenschaften konkret vorlebt und eine große Hilfsorganisation gegründet hat. Der Film „Der gute Mensch von Karachi (Deutschland/Frankreich, 2013)“ läuft am Samstag 21.12. ab 9.50 Uhr auf Arte.

Für viele transgeschlechtliche Menschen braucht es meiner Meinung nach eine ähnliche Organisation, denn transgeschlechtlichen Menschen sind oft von Arbeitslosigkeit betroffen, wie auch ein Bericht von Alecs Recher von TGNS für die Schweiz bestätigt (ebenso Dr. Haupt in den Altdorfer Empfehlungen – s. unten).
Ebenso gibt es bei vielen transgeschlechtlichen Menschen Erfahrungen mit der Nicht-Akzeptanz von Transgeschlechtlichkeit als Normvariante durch andere Menschen.
Viele reden zwar davon, dass sie gegen Diskriminierung seien – aber im Alltag fragt man sich, ob Menschen das wirklich so meinen.
Eine Form von Nicht-Akzeptanz transgeschlechtlicher Menschen zeigt sich, wenn eine Gruppe bestimmte Ideale (z.B. die eigene Interpretation dessen, was Gottes Willen ist) postuliert und Menschen dann nicht mehr Mitglied in dieser Gruppe sein können, solange sie diesem Ideal nicht mehr entsprechen. Ein trauriges Beispiel für Nicht-Akzeptanz ist die Geschichte eines homosexuellen Menschen im gekreuzsiegt-Blog von Mandy, der sich nicht traut, sich in seiner Gruppe zu outen, weil er sonst aus dieser Gruppe ausgeschlossen würde. Die Süddeutsche Zeitung berichtet ebenfalls von der Problematik der „Isolation“ in einem fundierten Artikel von Christine Lüders, die als Lehrerin an einer Brennpunktschule gearbeitet hat.

Ausgrenzung und Nicht-Akzeptanz erfolgt dann oft nach dem Motto: Du hast Dich für einen anderen Weg entschieden, deshalb darfst du bei uns nicht dabei sein…
Ich habe diese Form der Ausgrenzung nach meinem Coming out auch erlebt – Gott sei Dank habe ich aber viele Menschen in meinem Umfeld, die mich akzeptieren.
Ein Grundproblem vieler transphober Menschen ist die Meinung, dass Transgeschlechtlichkeit eine Frage der „Entscheidung“ sei. Dabei ist Transgeschlechtlichkeit eben keine Frage der Entscheidung (wie ich auch gegenüber der Landshuter Zeitung versuchte deutlich zu machen und wie z.B. Alecs Recher ebenfalls im oben verlinkten Beitrag von TGNS im Blick auf seine eigene Biografie deutlich macht: Er wusste ebenfalls schon sehr früh um sein Geschlecht) und wer das trotzdem behauptet, akzeptiert nicht die Selbstwahrnehmung Betroffener und vermehrt den Leidensdruck. Warum sonst ist man nicht bereit ist, Transgeschlechtlichkeit als Normvariante mit medizinisch notwendiger Unterstützung zu akzeptieren?

Sehr befremdet bin ich von einer Petition gegen den Bildungsplan 2015 in Baden Württemberg.  Ich bin der Meinung, dass hier ein neues Feindbild von „Umerziehung“ gemalt wird. Denn wenn in der Formulierung der Petition eine sprachliche Gleichsetzung von „Akzeptanz“ mit „Umerziehung“ gemacht wird, dann frage ich mich, wie man das sonst erklären könnte? (Zitat aus der Petition: „Das vorliegende Papier „Verankerung der Leitprinzipien“ und die Ankündigung die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in ähnlicher Weise in den Bildungsstandards der einzelnen Fächer zu verankern, zielt für uns auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen.“)
Wo postuliert denn das LSBTTI Bündnis eine „Umerziehung“? Der Verfasser der Petition schreibt selbst: >>In der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ soll dies so aussehen, dass Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexullen (LSBTTI) kennen und reflektieren sollen, wie schwule, lesbische, transgender Kultur und deren Begegnungsstätten.<<
Das „Kennen“ und die Reflexion einer Kultur und persönliche Begegnungen können helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen. Reflektieren bedeutet, sich eine eigene Meinung zu bilden und das ist etwas anderes, als unreflektierte Übernahme fremder Meinungen. Reflektieren schließt auch die Frage ein, warum bei bestimmte Gruppen die Komorbidität höher ist als bei anderen – Dr. Horst Haupt hat dazu in seinem Blog in den Altdorfer Empfehlungen einiges (ab S.30) geschrieben („Zum ersten Mal werden Guidelines veröffentlicht, die von der prinzipiellen Gesundheit transsexueller Menschen ausgehen.“).

Wer die Forderungen des LSBTTIQ mit dem Begriff „Umerziehung“ gleichsetzt muss sich fragen lassen, warum er das sprachlich so formuliert? Geht es demjenigen um Sachlichkeit? Oder will man eine Ghettoisierung durch Verschweigen der Existenz von Minderheiten fördern? In der Petition wird dann in der Begründung behauptet: „1. Die LSBTTIQ-Gruppen (4) propagieren die Thematisierung verschiedener Sexualpraktiken in der Schule als neue Normalität“ – in dem in Ziffer 4 erwähnten Text (http://www.netzwerk-lsbttiq.net/files/Netzwerk-LSBTTIQ-PM-2013-09-16.pdf) finde ich aber kein Wort davon, dass es um Sexualpraktiken geht. Das Wort kommt im Text gar nicht vor und wenn eine Quelle als erster Satz der Begründung nicht korrekt wiedergegeben wird, fragt man sich, warum? Will man hier Ängste schüren? Wenn die Sexualpraxis gar nicht Thema des Papiers ist, wieso wird  das dann trotzdem behauptet? Auch diese Beobachtung weckt bei mir den Eindruck, dass vom Verfasser der Petition neue Feindbilder geschürt werden.

Als evangelische Christin und Pfarrerin vertrete und befürworte ich ein christliches Weltbild, aber ich verwahre mich gegen eine Vereinnahmung andersdenkender Menschen, denen der christliche Glaube fremd ist. Ich postuliere als transgeschlechtliche Frau keinerlei „Umerziehung“ – genausowenig wie die transsexuellen Menschen, die ich kenne – und wehre mich entschieden gegen diese sprachliche Gleichsetzung.
Ich bin gegen jede Form von Manipulation von Menschen – sei es im Kinder- und Jugendalter oder bei Erwachsenen. Wer aber aus „Akzeptanz“ „Umerziehung“ macht, verfährt meiner Meinung nach manipulativ und demagogisch, in dem er Feindbilder schürt (das sieht man auch an anderen Stellen dieser Petition) anstatt mit den Betroffenen selbst ins Gespräch zu kommen.

Update 15.1.2014: Sehr informativ fand ich den Artikel der Süddeutschen Zeitung von Johanna Bruckner zur Debatte um den Bildungsplan und habe ihn deshalb hier verlinkt.

Meiner Meinung nach hilft zur Überwindung von tiefgreifender Unsicherheit und Angst (m.E. die Hauptursache für das Entstehen von Feindbildern):

  • das Modell der gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg (Stichwort: Giraffensprache / Wolfssprache) und entsprechendes Training.
  • das Wissen um das „unendlich-geliebt“ Sein eines jeden Menschen, wie Mandy es in ihrer Einkaufswagen-Chip Aktion vermittelt. Oder weniger christlich sondern allgemein formuliert: Die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen und der Grundrechte eines jeden Menschen, wie sie im Grundgesetz formuliert ist.

Update 1.2.2014
Ein weiterer sehr lesenswerter Artikel, wie Feindbilder gezüchtet werden, findet man in der Zeit online vom 29.1.2014 hier.

Update 4.3.2015:
Den „reaktionären Nebel“ beschreibt Christian Bangel in der ZEIT sehr gut – eine andere Metapher für den Versuch, neue Feindbilder aufzubauen…

Update 8.9.2015:
Besonders traurig finde ich es, wenn auf Grund von Feindbildern homophobe oder transphobe Tendenzen in Kirchengemeinden spürbar werden und Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, wie es dem homosexuellen Organisten ging.

Update 24.9.2015 Nachdem ein anonymer Kommentator mir vorgeworfen hat, ich würde Bischof Rentzing als „Feindbild“ darstellen und ihn „der Lüge bezichtigen“ will ich  klarstellen, dass für mich Bischof Rentzing keineswegs ein Feind ist, sondern ein Bruder in Christus – auch wenn ich in manchen Punkten eine andere Meinung habe. Den Vorwurf, ich würde ihn der Lüge bezichtigen, halte ich für eine polemische Unterstellung, denn ich habe nirgendwo so etwas getan. Aber anscheinend liegt es manchen Menschen ja auch gar nicht an Sachlichkeit und fairem Diskurs auf Augenhöhe? Dieser Artikel hier entstand im Jahr 2013, lange bevor die Bischofswahl in Sachsen anstand. Der Artikel entstand auf Grund der Erfahrung, dass jemand mich aus seinem Gebetskreis rauswarf mit der Begründung, ich würde die „Gender mainstreaming Ideologie“ vertreten (dabei verstehen viele die von „Gender mainstreaming Ideologie“ reden und auf Judith Butler verweisen deren Anliegen in der Regel auch falsch – aber man kann sich ja weiterbilden…).
Später wurde eine Trauerfeier abgesagt mit den Worten „Wir wollen keine von St. Pauli“.
Das und andere ähnliche Erfahrungen motivierte mich, über die Hintergründe solchen Hasses nachzudenken und über Feindbilder zu schreiben… und ich habe die Petition „Ja- aber“ unterschrieben, weil mir das Gespräch mit anderen Menschen und insbesondere innerhalb der Kirche wichtig ist. Ich kenne einfach zu viele transsexuelle Menschen, die total verbittert im Blick auf Kirche sind und ich bin mir gewiss: Jesus wäre anders mit diesen Menschen umgegangen, als ich selbst es von Christen erlebt habe.

Update: Mehr zu diesem Thema via Schlagwortsuche (Tags)

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