Warum es gut ist, über Worte nachzudenken…

Begriffsproblematik

Ich möchte im Blick auf meine Person mehrere Arten von Begriffen unterscheiden: A) Begriffe aus dem Bereich der Theologie B) Begriffe aus dem Bereich der Biologie / Begriffe für Transsexualität und ihre Problematik C) Begriffe aus der Soziologie (in Planung…)

A.) Theologiedazu mehr hier…

B.) Biologie / Begriffe für Transsexualität und ihre Problematik… Immer wieder gibt es Menschen, die gedankenlos irgendwelche Begriffe verwenden. Solange es um irgendwelche Gegenstände geht, die man im Supermarkt kaufen kann, ist das vielleicht unwichtig, ob man da den Markennamen nennt oder einfach vom „Schoko-Brotaufstrich“ spricht. Anders ist es, wenn über Menschen gesprochen wird, die viel Leid erlebt haben oder Traumata in sich tragen. Am Beispiel der Debatte über den alltäglichen Sexismus, von der im Januar 2013 in vielen Medien die Rede war, merkte man sehr schnell, dass es keineswegs nur Transsexuelle betrifft, sondern auch viele Frauen entsprechende negative Erfahrungen mit Übergriffen und anzüglichen Bemerkungen gemacht haben. Wer Menschen nicht verletzen will, der sollte sich ein wenig überlegen, was für Begriffe der andere vielleicht missversteht. Hier will ich speziell auf TS und die damit verbundenen Begriffe eingehen… Klar: Umgekehrt wäre eine gewisse Lockerheit und Verständnis bei den TransMenschen für alle die wünschenswert, die noch nie mit einem TransMenschen zu tun hatten. Deshalb gebe ich hier einfach nur Anregungen für das Gespräch miteinander, die man bitte nicht auf die Goldwaage legen sollte, weil ich selber noch an vielen Begriffen und ihren Definitionen bastle und es sicherlich noch mehr Punkte zu bedenken gibt – aber ich bin kein „Bedenkenträger“, sondern eine Frau, die das Leben liebt und Spaß versteht… Einige Begriffe, die im Zusammenhang mit Transsexualität verwendet werden sind und die bei Betroffenen oft Ärger und Wut auslösen:

  • Transidentität
  • Transgender
  • Mann-zu-Frau (MzF) oder Frau-zu-Mann (FzM)
  • transsexuell
  • transsexuelle Frau / transsexueller Mann
  • TransMensch
  • Geschlechtsumwandlung
  • biologisches Geschlecht
  • binäres Geschlecht / nicht-binäres Geschlecht
  • transgeschlechtlich

Was ist nun das Problem bei diesen Begriffen und warum ärgern sich Betroffene darüber (je nach Selbsteinschätzung unterschiedlich)? Da manche nicht lange lesen wollen, hier mal ein Begriff, der von denen, die transsexuell sind in der Regel als Selbstbezeichnung akzeptiert wird:

„transgeschlechtlich“ – solange klar ist, dass Transgeschlechtlichkeit nicht etwas ist, was erlernt, sondern angeboren ist, können sich viele transsexuelle Menschen, die ich kenne, auf diesen Begriff einlassen. Vorteile dieses Begriffes: „Geschlecht“ wird in der Biologie sehr differenziert dargestellt (Hirngeschlecht, Hormongeschlecht, Chromosomengeschlecht, Genitalgeschlecht usw…) d.h. wer von „transgeschlechtlich“ spricht kann auch sehr gut erklären, dass die Biologie dazu mehr zu sagen hat, als einfach „biologisch Mann“ oder „biologisch Frau“. Diese sprachliche Differenzierung kommt sowohl intersexuellen wie auch transgeschlechtlichen Menschen entgegen, da sie deren Wirklichkeit besser darstellt als vieles, was sonst geschrieben wird und was von Betroffenen oft als diskriminierende Sprache empfunden wird.

„Transidentität“ wird kritisiert, weil die Identität eines Menschen im Gehirn verankert ist d.h. konstant bleibt (und eben nicht sich verändert) und weil Identität sich nicht an äußeren Merkmalen festmachen lässt. Es ist so, dass transgeschlechtliche Menschen versuchen, äußere Merkmale (Genitalen / sekundäre Geschlechtsmerkmale) oder innere Merkmale (Hormonstatus) dem (Ge)hirngeschlecht anzugleichen. Eine deutliche Kritik des Begriffes Transidentität findet man im Blog von Diana hier.  

„Transgender“ ist ein Wort, dass durch die Übertragung aus der englischen Sprache unklar lässt, wie denn nun „Gender“ genau zu verstehen ist: Geht es um ein bestimmtes Rollenverhalten? Das aber ist keinesfalls ein kulturübergreifendes Merkmal transsexueller Menschen. Nicht jede transsexuelle Frau wird in ihrer Kindheit mit Puppen gespielt haben und nicht jeder transsexuelle Mann auf Bäume geklettert sein, wie es das „Gender“-Klischee vermuten lässt. So unterschiedlich wie Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Rollen, die jemand bewußt oder unbewußt übernimmt. Außerdem übersieht dieser Begriff völlig die biologischen Grundlagen für Transsexualität. Etliche Transsexuelle wollen auch nicht durch den Begriff „Transgender“ vereinnahmt werden, weil ihr Thema nicht primär eine Frage der „Geschlechtsrolle“ ist, sondern ein neurobiologisches Problem (also etwas, was mit der Biologie des Gehirns zu tun hat, ähnlich wie bei Tinnitus). Manche wehren sich sehr dagegen, diesen Begriff als „Oberbegriff“ anzuerkennen, andere wollen unbedingt, dass möglichst alle diesen Begriff als „Oberbegriff“ anerkennen…
Viele Psychopathologisierer verwenden den Begriff „Gender“ in einer bestimmten Kombination (z.B. Gender dysphoria oder Gender incongruence) um ihre Deutungshoheit über transsexueller Menschen festzuschreiben und lehnen deshalb neurobiologische Erkenntnisse ab (denn dort wird wesentlich präziser von Geschlecht gesprochen als es der Begriff „Gender“ leisten kann und dort geht es meist mehr um eine Deutung von Transsexualität, die den betroffenen Menschen Ernst nimmt und auf Augenhöhe erfolgt). Auf Grund der Psychopathologisierung wird daher jede Kombination von „Gender“ Begriffen von vielen transsexuellen Menschen abgelehnt.
Die Begriffsgeschichte von „Transgender“ ist ebenfalls umstritten – daher taugt dieser Begriff m.E. wenig zur Verständigung.

„MzF“ und „FzM“ sind irreführende Begriffe, weil nicht ein Mann zu einer Frau wird oder umgekehrt, sondern das gonadale Geschlecht an das Hirngeschlecht angeglichen wird. Hirngeschlechtlich gesehen lebten die Betroffenen schon immer im selben Geschlecht, nur gab es eine mehr oder weniger lange Latenzzeit (wie Dr. Haupt gut erklärt), in der ihnen aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht klar war, was ihr Hirngeschlecht ist.

„transsexuell“ wird von manchen Betroffenen ungern verwendet, weil der Begriff der Sexualität Assoziationen an die Porno-Industrie und das Rotlicht-Milieu wecken kann und viele TS damit nichts zu tun haben wollen (andere sehen das dagegen durchaus bewusst als Einnahmequelle). Außerdem spielt Sexualität bei der Fortpflanzung eine zentrale Rolle und führt dann im Blick auf transsexuelle Frauen zu Aussagen wie: „eine richtige Frau wirst Du aber nie werden, weil Du keine Gebärmutter hast…“ – so eine Aussage ist nur verständlich, weil der Begriff der Sexualität eng verbunden ist mit den Fortpflanzungsorganen… – auch wenn diese ganzen Assoziationen bei transsexuellen Menschen Frust auslösen, weil der Aspekt des Frau-Seins auf das Vorhandenseins einer Gebärmutter reduziert wird. Ob das aber anders würde, wenn man nicht von „transsexueller Frau“ spricht? Außerdem wurde der Begriff von bestimmten Psychiatern so verwendet und mit Beispielen versehen, dass keiner/keine, deren Hirngeschlecht nicht zum Genitalgeschlecht passt, sich damit identifizieren will (sogenannte Psychopathologisierung). Transsexuell ist als Begriff auch deshalb problematisch, weil „sexuell“ die Assoziation von „sexueller Orientierung“ auslöst (also homosexuell / heterosexuell) und der Begriff mit dem Thema der sexuellen Orientierung nichts zu tun hat. Es gibt sowohl heterosexuelle wie homosexuelle wie lesbische TS, manche reden dazu noch von trans-heterosexuell, trans-homosexuell usw… – je nachdem, was man eigentlich erklären will. Dieser Bereich gehört aber zu dem, über den man in der Öffentlichkeit in der Regel nichts sagt – oder wie fänden sie es, wenn sie in einem Hotel von der Dame an der Rezeption auf Grund einer Beobachtung gefragt werden: „Sind sie eigentlich lesbisch?“ bzw. „Sind sie eigentlich schwul?“ oder „sind sie eigentlich heterosexuell?“ – solche Fragen stellt man eigentlich nicht, wenn man ein wenig Taktgefühl hat…
Andererseits gibt es Transsexuelle, denen dieser Begriff wichtig ist, weil:

– mit diesem Begriff eine Anerkennung eines Leidensdrucks und damit einer med. Hilfe durch die Krankenkassen verbunden ist (nicht aber bei anderen Begriffen wie Transgender…)

– viele transsexuelle Menschen eine genitalangleichende Operation durchführen, um danach auch sexuelle Erfüllung zu erleben d.h. die Sexualität keineswegs unwichtig ist.

„TransMensch“ (TM) ist für manche der Versuch, eine andere Kategorie von Mensch einzuführen und andere stellen die Frage, ob dann nicht schnell Rechte, die Menschen zustehen, diesen Menschen verweigert werden.

„Geschlechtsumwandlung“ trifft genau so wenig zu wie „MzF“ aus ähnlichen Gründen…

„biologisches Geschlecht“ wird von manchen im Sinne des Genital – bzw. Chromosomengeschlechts verwendet in der Meinung, dass es damit eindeutig sei und dass es da ja nur „Mann“ oder „Frau“ geben würde. Doch diese Meinung wird sowohl von Genetikern als auch von Neurobiologen in Frage gestellt: genetisch gesehen gibt es keineswegs nur die Beobachtung eines XX bzw. XY Geschlechtschromosoms, sondern auch davon abweichende genetische Kombinationen (z.B. wenn das Y-Chromosom teilweise beschädigt ist. Die für Transsexualität vorgesehenen Chromosomentests, die die Krankenkasse bei Anordnung des Arztes bezahlt, sind dafür viel zu ungenau. Ein Chromsomentest, der die einzelnen Gene des Y-Chromosoms im Blick auf ihre Funktionalität genau auswerten würde, kostet nach meinen Informationen ca. 20.000 Euro d.h. das kann nicht von der Krankenkasse bezahlt werden) und es gibt sogenannte epigenetische Schalter/epigenetische Einflussfaktoren darauf, welche Gene abgelesen werden. Außerdem stellt sich die Frage: Wann wird welches Gen abgelesen – d.h. was geschieht wann während der Entwicklung des Embryos. Es nützt also nichts zu wissen, ob bei einem erwachsenen Menschen ein XX oder XY Chromosomensatz vorhanden ist, denn während der Embryonalphase kann deswegen trotzdem das Chromosom durch eine „Laune der Natur“ versehentlich anders abgelesen worden sein – und dann entwickelt sich das Gehirn bzw. eine bestimmte Schicht anders als sonst – eine transsexuelle Entwicklung geschieht. Mehr dazu im Buch des Biologen Dr. Heinz- Jürgen Voß – „Geschlecht – wider die Natürlichkeit“ Das Phänomen der Intersexualität lasse ich hier bewusst weg, da viele Menschen inzwischen davon wissen, dass es eben auch XXY Chromosomensätze usw… geben kann. Neurobiologisch gesehen gibt es im Gehirn ein Wissen um die eigene Identität, die höchst individuell und unterschiedlich ausgeprägt sein kann (vgl. Dr. Haupts Aufsatz 3 Jahre Altdorfer Empfehlungen, Printversion…). Da das Gehirn wesentlicher Bestandteil der menschlichen Biologie ist, macht es keinen Sinn, so zu tun, als ob es neben dem „Körper“ noch eine davon unabhängige Psyche gibt – vielmehr zeigt die Neurowissenschaft, wie sehr Körper und Gehirn biologisch miteinander zusammenwirken.

„binäres Geschlecht / nicht-binäres Geschlecht“: während im allgemeinen Verständnis bei vielen Menschen zunächst einmal die Vorstellung herrscht, dass es „Männer“ oder „Frauen“ gibt und sich beides ausschließt (d.h. eine binäre Vorstellung von Geschlecht existiert), gehen Wissenschaftler davon aus, dass Geschlecht keineswegs binär zu beschreiben ist. Das gilt sowohl auf genetischer/chromosomaler Ebene (s. dazu „biologisches Geschlecht), als auch im Blick auf das Hormongeschlecht und natürlich auch im Blick auf das Hirngeschlecht (vgl. Dr. Haupts Aufsatz 3 Jahre Altdorfer Empfehlungen, Printversion…). Das bedeutet für den Alltag und die Selbstwahrnehmung transsexueller Menschen: Die Differenz zwischen Hirngeschlecht und Hormongeschlecht/Genitalgeschlecht, die vor einer Angleichung besteht und die einen Leidensdruck auslöst, ist unterschiedlich intensiv je nach transsexuellem Menschen. Manche brauchen zur Verminderung des Leidensdrucks das volle medizinische Angebot inkl. genitalangleichender Operation, anderen reicht eine Hormontherapie und wieder anderen erst einmal „nur“ ein Wechsel der Rolle (Kleidung …). Eine lesenswerte Übersicht über die verschiedenen Begriffe findet man auch hier bei Trans-Eltern.

Wertende, verabsolutierende und pauschalisierende Begriffe: Manche Worte wie „immer“, „nie“, „dauernd“… machen ein Gespräch schwierig. Ähnlich sind Substantive oder Adjektive, die im Brustton der Überzeugung in manchen Sätzen stecken: „Du wirst nie eine richtige Frau/ein richtiger Mann sein, denn biologisch bist Du immer…“ – doch mal abgesehen von den pauschalisierenden Aussagen, die in der Regel fast immer unzutreffend oder ungenau sind und den anderen in eine Verteidigungshaltung bringen, sind auch Worte wie „biologisch“ zu oberflächlich, um das Phänomen der Transsexualität zu beschreiben. Wer dazu mehr wissen will, lese im Blog von Dr. Horst Haupt die 5 verschiedenen Ebenen des biologischen Geschlechtsbegriffs (d.h. nicht eines „gender“ Begriffs) in seinem Aufsatz: Sie sind ihr Gehirn auf Seite 20… – diese ausgezeichnete Unterscheidung sollte jeder, der mit TransMenschen reden will, im Kopf haben!

Kommentare im Blog: Sie können hier gerne Kommentare schreiben. Bitte aber entweder unter Pseudonym oder mit ihren Vornamen und nicht dem vollständigen realen Namen. Außerdem bitte ich darum, wertende, pauschalisierende und verabsolutierende Begriffe in Kommentaren zu vermeiden – ansonsten nehme ich mir das Recht, die Kommentare ggf. zu bearbeiten oder einen Artikel vorübergehend aus dem Internet rauszunehmen. Kommentare werden erst nach Durchsicht freigeschaltet.

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Eine Antwort zu Warum es gut ist, über Worte nachzudenken…

  1. Admin schreibt:

    Es fehlt, dass manche auch die Begriffe „Mann“ und „Frau“ zu kategorisierend empfinden und diese deshalb ablehnen. Wieviel davon wirklich Trauma ist oder mehr ein Ausdruck von Nonkonformismus ist unmöglich zu durchschauen.
    Die hohe Individualisierung in unserer Gesellschaft macht es aber auch außerhalb dieser Begriffe mitunter schwierig Menschen richtig anzusprechen. Dadurch enstehen mitunter auch Sprachkonstrukte, die kaum noch zu durchschauen sind und auch groteske Züge annehmen können.
    Wie auch immer, es werden Gräben gegraben, die eine Gemeinschaft immer schwieriger werden lassen.

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