„im falschen Körper“?

Vor kurzem las ich wieder, dass jemand zu einem transsexuellen Menschen (TS) sagte: „Du warst ja schon immer eine Frau, nur im falschen Körper.“ Ja, in gewisser Weise ist so ein Satz ein Zeichen des Bemühens, TS zu verstehen und sicherlich besser, als transphobe Sprüche zu klopfen. Doch wenn jemand sich bemüht, TS zu verstehen, ist derjenige vielleicht daran interessiert, noch genauer hinzuschauen. Darum ein paar Gedanken, warum die Rede vom „falschen Körper“ ein Fragezeichen verdient:

Ich sehe das Problem darin, dass bei der Rede vom „falschen Körper“ das Gehirn zu wenig in den Blick kommt. Das Gehirn ist nicht nur irgendein Teil des Körpers (wie etwa der Blinddarm), sondern ein ganz zentraler Teil. Das Gehirn von TS signalisiert den Betroffenen aber oft über Jahre und Jahrzehnte, dass ihr Hirngeschlecht (1) nicht zum Genitalgeschlecht/ Chromosomengeschlecht… passt. Diese Signale können verdrängt werden, werden aber nie ganz verschwinden und irgendwann so deutlich, dass TS sich selbst als TS erkennen. Bei manchen geschieht das sehr früh, bei anderen später im Leben.

Ich bin der Meinung, dass alle, die sich für TS interessieren und auch was dazulernen wollen, mit Aussagen wie „im falschen Körper“ vorsichtig sein sollten, denn: Dadurch unterstellt man TS, dass ihre Selbstwahrnehmung nicht stimmt und das Gehirn evtl. ein Problem hat, weil es „falsche“ Signale sendet. Doch im Unterschied zu vielen anderen Regionen des Körpers, in denen Zellen sich erneuern können, ist – so der Neurowissenschaftler und Psychiater Dr. Haupt – der Teil des Gehirns, der diese Signale sendet schon weit vor der Geburt voll entwickelt und nicht veränderbar.

Wenn man also TS unterstellt, dass ihre Selbstwahrnehmung nicht stimmt, unterstellt man ihnen letztlich, dass Außenstehende besser/richtiger wahrnehmen, was für ein Geschlecht TS haben als die Betroffenen selber. Damit kann aber ganz subtil und unbewusst Diskriminierung anfangen. Denn mit der Aussage „im falschen Körper“ machen sich Außenstehende zum Richter über die Betroffenen. Ein Gespräch auf Augenhöhe, eine Begegnung zwischen zwei gleichberechtigten Menschen kann so schwieriger werden. Außenstehende können TS nur nach dem Genitalgeschlecht, nach dem Chromosomengeschlecht, dem hormonellen Geschlecht oder anderen „Äußerlichkeiten“ beurteilen, nicht aber deren Selbstwahrnehmung. Viele TS leiden aber eben nicht nur an der Differenz zwischen Hirngeschlecht und Chromosomengeschlecht, sondern auch daran, dass Außenstehende sie nicht so ansprechen, wie sie sich das auf Grund des Hirngeschlechtes wünschen (z.B. mit dem früheren Vornamen oder Briefe mit der falschen Anrede…).

In ihrer Selbstwahrnehmung, also dem, was im Gehirn geschieht, haben TS schon immer im wahren Geschlecht (Hirngeschlecht) gelebt. Die Frage ist nur, wann Betroffene ihr Hirngeschlecht erkennen und merken, dass es von z.B. dem Genitalgeschlecht abweicht…

Dabei spielen einige Faktoren eine Rolle, die diese Selbstwahrnehmung fördern oder hindern:

Förderlich:

  • Durch das Internet ist es heute viel leichter als noch vor der Zeit des Internet, sich über TS zu informieren.
  • Durch Gesetzesänderungen, neue Gesetze und Urteile des Bundesverfassungsgerichtes riskieren TS heute weniger, wenn sie sich outen als früher. Damals war z.B. die Zwangsscheidung, die Zwangs-GaOP usw… rechtlich vorgesehen. Es gab kein Allgemeines Gleichstellungsgesetz, dass die Diskriminierung einschränkt. Es gab damals eine noch stärkere Pathologisierung von Menschen, die TS waren als es heute immer noch der Fall ist.
  • Abbau von Ängsten und Vorurteilen
  • eine Gesetzgebung, die TS nicht gegenüber anderen Menschen diskriminiert

Hinderlich:

  • Tiefgehende eigene Ängste (z.B. spürt man die bei der Frage: „wie werden die Menschen reagieren, die mir lieb sind?“ oder „bin ich verrückt“?)
  • Verbaler Nonsens in den Medien und dadurch Weiterverbreitung von Klischees
  • Hohe Kosten, die immer noch oft aus eigener Tasche bezahlt werden müssen (z.B. ist es mir ein Rätsel, warum die Laser-Epilation nicht grundsätzlich nach einem hautärztlichen Gutachten über den medizinischen Nutzen auf Grund dunkler Haare und der Diagnose durch den Psychiater, komplett von der Kasse bezahlt wird bzw. ggf. mit einem kleinen Eigenanteil.) und letztlich dadurch eine versteckte Form der Diskriminierung gegenüber anderen Menschen mit einer Krankheit wie z.B. Tinnitus.
  • Interner Streit zwischen verschiedenen TS-Gruppen um Begriffe und die Frage, ab wann man eigentlich „dazugehört“ – ist man nur dann transsexuell, wenn man das bewiesen hat, in dem man eine GaOP durchgeführt hat? Damit erkennen viele TS selbst nicht an, was sie von anderen fordern: Wer sich sicher ist, eine Frau oder ein Mann zu sein, der ist das, weil er/sie das im Gehirn weiß und wer einem Menschen nicht vertraut, dass dessen Gehirn „richtig“ liegt, der kann Beweise fordern so viel er/sie will und sein Gegenüber wird diese nicht erbringen können. Ist denn eine Frau nach einer Gebärmutteroperation keine Frau mehr? Ist denn ein intersexueller Mensch, der sich als Frau bzw. Mann wahrnimmt, in dessen Kindheit aber durch die Eltern zwangsweise auf Grund gesellschaftlichen Drucks eine GaOP erfolgte, die nicht zum Gehirn des Betroffenen passt, deshalb kein Mann oder eine Frau? Muss man durch die Genitalen wirklich beweisen, wer man ist? Wer so etwas fordert, fängt genauso an, andere zu diskriminieren wie die, die von TS verlangen, sich einem Gutachtenverfahren zu unterziehen um zu beweisen, wer sie sind und erst danach ihnen das Recht zugestehen, den Vornamen und Personenstand zu ändern (wie es z.B. bei Kim Schicklang der Fall ist).

TS, die massivem äußeren Druck unterliegen (z.B. weil sie den Verlust des Arbeitsplatzes befürchten müssen oder den Verlust von wichtigen Bezugspersonen oder körperliche Gewalt oder Repressionen durch Behörden / Gesetze…) haben ein hohes Risiko, krank zu werden (Sucht, Depression, selbstzerstörendes Verhalten…).

Manche mögen fragen: Wenn man schon immer im „richtigen Körper“ lebte, wozu dann noch medizinische Maßnahmen? TS haben folgende Probleme:

  1. Differenz zwischen Hirngeschlecht und anderen Geschlechtsmerkmalen (z.B. Chromosomengeschlecht) und daraus enstehender Selbstwahrnehmungseindruck, anders zu sein als andere Menschen.
  2. Differenz von Fremdwahrnehmung durch Außenstehende und Selbstwahrnehmung, solange keine geschlechtsangleichenden Maßnahmen abgeschlossen sind

Auf Grund der 1. Differenz können Betroffene bestimmte Folgeerkrankungen entwickeln, die behandlungsbedürftig sind und auf Grund dieser Differenz haben TS einen erheblichen Leidensdruck.

Auf Grund der 2. Differenz brauchen Betroffene auf eigenen Wunsch volle medizinische Unterstützung, um diese Differenz bestmöglich aufzuheben.

Wie kann man helfen?

In dem man:

  • sich zumindest die Mühe macht, mal einen Vortrag von 14 Seiten durchzulesen, den der Psychiater Dr. Horst Haupt geschrieben hat und der vieles hier vertieft und auf den Punkt bringt.
  • indem man diesen Vortrag weiterleitet an Vertreter der Medien, die mit dafür verantwortlich sind, dass Diskriminierung von TS heute noch möglich ist (es gibt aber Gott sei Dank Anzeichen, dass ein Umdenken einsetzt, wie die Reaktion der ZDF Redaktion auf Kritik an Aussagen der Sendung Mona Lisa zeigt.) Mehr dazu bei ATME e.V. (siehe Links!)
  • Sich um eine faire und gerechte Sprache bemüht und versucht, transsexuelle Menschen zu verstehen und ihrer Selbstwahrnehmung mehr Gewicht gibt als allem anderen.
  • Sich gegen Bevormundung, Diskriminierung einsetzt und den Betroffenen deutlich macht, dass sie keinerlei negative Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie zu ihrer Selbstwahrnehmung stehen und sich dazu bekennen.

Anmerkungen

(1): siehe verlinkter Aufsatz von Dr. Horst Haupt zur Begrifflichkeit „Hirngeschlecht“…

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Eine Antwort zu „im falschen Körper“?

  1. Claudia schreibt:

    Wie wärs du legst nicht alles, was Bio -Menschen sagen auf die Goldwaage, sonst läufst du Gefahr, dass jeder unsicher wird der mit dir spricht. „Im Falschen Körper“ sagt jemand, der weiß Körper Seele und Geist zu unterscheiden. Das Hirn ist doch nicht bloß Körper. TS finde ich müssen aufpassen, dass sie sich nicht in die fortwährende Opferecke stellen, Motto niemand redet mit mir gescheit und sollten sich hüten wegen evt. „falscher“ Begrifflichkeit Vermutungten über evt. Ablehnung des Redners zu treffen. Die Binnensprache eines TS spricht halt nicht jede/r. Hauptsache ist doch wohl man hört einander zu im realen Dioalog und nicht nur im Blog, dann würde man nämlich schon am Tonfall merken, was einer von einem hält.

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