ich hoffe auf den Bundestag und starte deshalb

eine neue Petition zum Transsexuellengesetz und der med. Versorgung transsexueller Menschen. Man findet die Petition ab sofort hier: https://www.openpetition.de/petition/online/selbstbestimmungsgesetz-selbstbestg-jetzt-beschliessen
Es gibt ja derzeit mehrere Gesetzesvorschläge, die man als Vorlage anstelle des bisherigen
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Zwei ausführliche Rezensionen

des Fachbuchs „Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften“ (Hg. G. Schreiber) findet man nun im Web:

Im Fachbuch gab es einen ausführlichen Artikel von Dr. Laura Adamietz, die darin deutlich machte, wie veraltet das Transsexuellengesetz ist. Ähnliches ergaben ja auch die beiden Rechtsgutachten der IMAG (interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung). Darum ist es gut, wenn im Herbst ein alternativer Vorschlag neu auf die Agenda der Politik kommt: Das „Selbstbestimmungsgesetz“. Eine Petition dazu findet man hier – und ich freue mich über alle, die transsexuelle / transidente Menschen dabei unterstützen und die Petition bekannt machen (und natürlich selbst mit unterschreiben, ggf. auch anonym).

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„Hinzu kommt, dass die Fähigkeit der Bevölkerung, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen

und zu interpretieren, Studien zufolge in Europa erschreckend niedrig ist“, so Bernd Kerschner, Redaktionsleiter von Medizin-transparent.at, einem Projekt von Cochrane Österreich in einem lesenswerten Artikel des Stern. Evidenzbasierte Forschung und die Interpretation von Studien ist leider bislang kein Thema in weiterführenden Schulen – dabei wäre es wichtig, im Rahmen der Humanbiologie solche Themen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln. Das könnte volkswirtschaftlich gesehen auch Kosten sparen, die derzeit für unsinnige Therapien ausgegeben werden.

Vielleicht gibt es ja Bundesländer, die Lehrpläne entsprechend ändern werden?
Sehr hilfreich finde ich auch einen informativen Artikel der Süddeutschen Zeitung über die Wirkung von Methadon in der Krebstherapie – auch er trägt zur dringend nötigen Versachlichung bei.

Im Blick auf transsexuelle Menschen gibt es bislang wenig solide Studien, aber trans-evidence ist dabei, das zu ändern.
Ungeachtet der medizinischen Situation transsexueller Menschen wäre es schon mal eine große Erleichterung, wenn das Transsexuellengesetz (TSG) endlich durch ein modernes Gesetz abgelöst wird. Dieses Ziel verfolgt die Petition zum Selbstbestimmungsgesetz, die auch Anliegen intersexueller Menschen aufgreift.

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LSBTTIQ Menschen haben oft eine Distanz zur

Kirche allgemein, aber auch zur evangelischen Kirche:

Berthold Höcker, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte, begründet deshalb die Teilnahme des Kirchenkreises Berlin beim CSD so:

„Die Werbung ist unbedingt nötig“, findet er. „Ich mache das deutlich an unserem Programm ‚Briefe an Ausgetretene‘. Wir schreiben alle, die uns bedauerlicherweise verlassen, an und bitten um Mitteilung der Gründe.“ Eine Antwort, die er erhalten habe, sei dann: Wir treten aus, weil die evangelische Kirche Schwulen und Lesben gleiche Rechte verweigert. „Das ist totaler Unsinn“, sagt Höcker, „und wir möchten deshalb unser Angebot in der Öffentlichkeit bekannt machen.“

Höcker schrieb auch im Heft „Reformation für alle*“ einen ausführlichen Beitrag.

Im Blick auf die katholische Kirche schildert der Jesuit James Martin in einem Interview, wie sich viele LSBTTIQ Menschen durch die Kirche verletzt fühlen.
Ich hoffe, dass Christen erkennen, welcher Handlungsbedarf hier vorliegt und entsprechende Schritte in Richtung Versöhnung, Bildung und Aufklärung einleiten. Wer für die Rechte transsexueller Menschen ein Zeichen setzen will, kann dies z.B. durch Mitzeichnung der Petition für das Selbstbestimmungsgesetz tun.

Update: In einer Rezension von Mareike Antoni zu Gerhard Schreibers Buch „Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften“ fand ich folgende sehr treffende Aussage:

Vor den Beiträgen des Tagungsbandes als „Kontrastfolien“ wird umso deutlicher, dass im Weiteren auch die katholische Kirche herausgefordert ist und bleibt, in diesem Kontext die Glaubwürdigkeit ihrer Sendung zu allen Menschen, besonders zu den marginalisierten und suchenden, zu erweisen. Eine vorverurteilende Pathologisierung transidenter Menschen unter gleichzeitig recht konsequenter Ausblendung heutiger Erkenntnisse der Forschung – welche von eher geringer Sensibilität für die bestehenden Diskriminierungs-, Ausgrenzungs- und Leiderfahrung betroffener Personen zeugen – dürfte durch vertiefte Beschäftigung mit Transsexualität als einer Normvariante geschlechtlicher Identität abgebaut werden können.

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ein Coming out einer Psychiaterin und Neuropsychologin

als „Frau mit transsexuellem Hintergrund“ ist nicht so häufig. Um so mehr freut es mich, dass Dr. Dr. Claudia Haupt diesen Schritt via öffentlichem facebook-Eintrag gemacht hat und wünsche alles Gute für die nächsten Monate! Zu Ihrer Person bzw. Ihrem Engagement für transsexuelle Menschen / NIBD findet man ja in meinem Blog und bei trans-evidence sowie auf trans-health genügend Informationen. Danke für alle Deine Unterstützung, Claudia!

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Am Tag des Kusses freuen sich

natürlich alle, die jemanden haben, den sie küssen können bzw. von dem sie geküsst werden. Die #Ehefüralle legalisiert ja vielen nun auch das, was bislang primär heterosexuellen Paaren vorbehalten war. Gott sei Dank gab es aber Küsse auch in anderen Beziehungen schon immer. Man denke nur an die Szene, als eine Frau Jesus die Füße küsst (Lk 7,45) und sie mit Salböl behutsam und zärtlich wäscht (vgl. Lk 7,36-50). Kein Wunder, wenn auch der Papst Menschen die Füße wäscht.
Für transsexuelle Menschen ist oft die Einsamkeit ein Problem, denn viele erleben es als sehr schwierig, nach einem Coming out eine Beziehung zu finden, die trägt. Dazu kommen dann noch überflüssige Prozeduren für Gutachten, damit man den Vornamen/Personenstand beim Ausweis ändern kann und viele Hürden bei Krankenkassen und dem MdK. Darum ist das neue Selbstbestimmungsgesetz ein echter Fortschritt für transsexuelle Menschen und darum lade ich am #TagdesKusses dazu ein, transsexuelle Menschen zu unterstützen und sich die Petition für das neue Selbstbestimmungsgesetz durchzulesen, mitzuzeichnen und es zu teilen. Es tut gut, wenn es immer mehr Menschen gibt, die für unsere Gleichberechtigung eintreten und uns helfen, ohne riesigen Bürokratismus zu leben.

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Derzeit fragen viele Befürworter der „Ehe für alle“, ob

das Bundesverfassungsgericht nicht das am 30.6.2017 beschlossene Gesetz zur „Ehe für alle“ aufheben wird. Doch wer so denkt, sollte sich mit dem Urteil der Karlsruher Richter zum Transsexuellengesetz (TSG) aus dem Jahr 2008 beschäftigen.
Darin wurde der Teil des TSG für „nicht anwendbar“ erklärt, der transsexuelle verheiratete Menschen bei einer Personenstandsänderung zwang, sich scheiden zu lassen. Dieses Urteil wurde mit dem Schutz der Ehe nach Art 6 GG begründet:

„Die rechtliche Anerkennung der geänderten Geschlechtszugehörigkeit eines verheirateten Transsexuellen würde dazu führen, dass seine Ehe von Partnern des gleichen Geschlechts fortgeführt würde. […] Demgegenüber wiegt aber auch die Beeinträchtigung schwer, die ein verheirateter Transsexueller durch § 8 Abs. 1 Nr. 2 TSG erfährt. Insbesondere wird die bestehende Ehe des Betroffenen in erheblichem Maße beeinträchtigt. Drängt der Staat Ehegatten zur Scheidung ihrer Ehe, dann läuft dies nicht nur dem Strukturmerkmal der Ehe als dauerhafter Lebens- und Verantwortungsgemeinschaft zuwider.
Es wird damit auch der bestehenden Ehe der ihr von Art. 6 Abs. 1 GG gewährleistete Schutz entzogen.“

Der Schutz der Ehe wiegt – so das Verfassungsgericht – höher als die Frage, ob durch so ein Urteil nun gleichgeschlechtliche Ehen möglich werden (was seit 2008 in diesem Fall möglich wurde). Wie sehr dem Verfassungsgericht der Schutz des gemeinsamen Lebens wichtig ist, wird im folgenden Satz der Begründung deutlich:

„Es geht um das weitere Schicksal eines gemeinsam gegangenen Lebensweges und damit um Folgen von subjektiv existentieller Dimension. Demgegenüber wird das Prinzip der Verschiedengeschlechtlichkeit angesichts der konkreten Umstände nur am Rande berührt.“

Das gilt natürlich auch für alle Ehen, die nun nach dem neuen Gesetz möglich werden.
Ich bin dem Verfassungsgericht dankbar für dieses Urteil, denn ich wollte nie eine Scheidung und ich bin froh, dass meine Frau und ich weiter verheiratet sein können. Ich wünsche allen, die nun auf Grund des neuen Gesetzes zur Ehe bald heiraten können, Gottes Segen für ihre Liebe.
Schön fände ich es, wenn nun nach der Bundestagswahl transsexuelle Menschen auch selbstbestimmt ihren Personenstand ändern können und ein entsprechendes Gesetz bald kommt, das das ermöglicht. Das #Selbstbestimmungsgesetz enthält dafür viele gute Anregungen – man kann es mit der Zeichnung einer Petition hier unterstützen -, auch wenn der Titel und ein paar Details vielleicht noch umformuliert werden sollten, denn wer Transsexualität selbst erlebt weiss: Das ist kein Lifestyle oder eine Frage des Willens – vielmehr gibt es einen oft einen massiven inneren Druck, sein Geschlecht an das Gehirngeschlecht anzugleichen. Deshalb sprechen wir auch nicht von Geschlechtsumwandlung, sondern von Geschlechtsangleichung, wie Dana Diezemann in einem Interview auch betont. Und deshalb ist in der Waldschlösschen Erklärung von Menschen die Rede, die „geschlechtliche Vielfalt leben“ und es ist bewusst offen gelassen worden, ob das freiwillig (z.B. Conchita Wurst) oder unfreiwillig (z.B. transsexuelle Menschen, die med. Hilfe brauchen) geschieht.

Was das BVG betrifft gibt es einen wichtigen Blogeintrag bei Alexander von Beyme, der ebenfalls BVG Urteile zum Thema im Kontext liest. Im Blick auf Fake-News a la Trump, die von entsprechenden Parteien kommen, sollte man sich mal genüßlich den Faktencheck der Tagesschau reinziehen 🙂

Noch ein Link zu einem Gastkommentar bei queer, den ich sehr treffend fand, zum Schluß.

Update: Im Blick auf Äußerungen von Ulrich Parzany zum Thema findet man im Blog „Herz im Wandschrank“ eine treffende Analyse.

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auf eine Mail an Volker Kauder, in der

ich darum bat, eine Änderung des Transsexuellenrechts noch in dieser Legislaturperiode durchzuführen, erhielt ich folgende Antwort von seinem Büro:

Herr Kauder hat Ihre Ausführungen zum Thema Transsexuellengesetz gelesen und mich gebeten, Ihnen zu antworten.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass es zu einer von Ihnen angesprochenen und angeregten Reform des Transsexuellengesetzes in dieser, nun zu Ende gehenden
Legislaturperiode nicht mehr kommen wird. Es liegt nur noch eine Sitzungswoche vor uns, in der zahlreiche Gesetzesvorhaben noch verabschiedet werden müssen. Auch wenn ich weiß, dass das Thema für Sie und andere von ganz wesentlicher Bedeutung ist und auch schon häufiger „geschoben“
wurde, muss ich Sie leider dennoch auf die kommende Legislaturperiode vertrösten.

Um so mehr brauchen wir transsexuelle Menschen Unterstützung aus der Bevölkerung, damit die Politik nicht weiter vertröstet auf den St. Nimmerleinstag…

Darum jetzt erst Recht: Bitte die Petition zum Selbstbestimmungsgesetz lesen und mitmachen…!

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„Ich hatte in 2 Jahren knapp 11 Operationen“,

so Benjamin Melzer in einem youtube-Werbespot von Mercedes Benz. Sowohl er wie Nina Jaros und andere transsexuelle Menschen brauchen eine gute präventiv-medizinische Versorgung. Beide haben meine Petition unterstützt und sie auch aktiv weitergeteilt (via Twitter). Danke!
Die Hormonbehandlung wie chirurgische Maßnahmen helfen uns, endlich wir selbst zu sein.
Leider haben viele transsexuelle Menschen Stress mit der Krankenkasse und dem MdK. Anette Güldenring erklärte das in diesem Blog an anderer Stelle einmal ausführlicher und weiter unten zitiere ich sie.
Darum brauchen wir aber auch die Unterstützung durch die Bevölkerung und die Politik, die im Gesundheitswesen wie auch im rechtlichen Bereich viel verbessern muss, wie die Rechtsgutachten der IMAG (interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung – mehr zu den Gutachten bei Queer.de hier und in meinem Blog hier) gezeigt haben und wie ich es im Interview hier näher erklärt habe. Und darum freue ich mich über alle, die die Petition für ein besseres Transsexuellenrecht unterstützen und darauf hinweisen und die Petition oder diesen Artikel teilen! Das #Selbstbestimmungsgesetz ist unter anderem wegen §6 ein echter Fortschritt gegenüber dem veralteten Transsexuellengesetz.
Danke!

Nun zu Anette Güldenrings Aussagen:

Sie kritisiert im Artikel „Zur Psychodiagnostik von Geschlechtsidentität“ (Zeitschrift für Sexualforschung 2013, 26) das Gutachtenverfahren im TSG mit deutlichen Worten:

Wichtigste Instanzen, die die Grenzen für transidente/transsexuelle Menschen definieren, sind die Kostenträger des Gesundheitssystems, die psychomedizinischen Disziplinen und der Gesetzgeber, der mit dem Transsexuellengesetz (TSG) die Modalitäten für eine Vornamens- und Personenstandsänderung ( und ) vorgibt. Das TSG ist seit 1981 in Kraft und trotz unermüdlicher Widerstände seither nicht reformiert worden. Es ist sträflich überaltet.“ (S.160)

Güldenring zeigt in ihrem Aufsatz,

„dass die psychodiagnostischen Methoden jeder theoretischen Grundlage entbehren, die eine objektive Diagnostik geschlechtlichen Emfindens im Rahmen menschlicher Wahrnehmung zulassen würde. Diese fehlende Wissensbasis könnte u.a. Hintergrund für die sich über die Periode des TSG zunehmenden Verwicklungen und Rollenkonfusionen zwischen Medizin/Psychologie und Rechtssystem sein, die immer noch nicht offen diskutiert werden.“ (S.160f).

Güldenring fährt fort:

„Die Fremddiagnostik […] wie sie im TSG-Verfahren praktiziert wird […] ist keinen Tag länger zu vertreten“ (S.161f.)

Im Blick auf das TSG schreibt Güldenring, dass der Gesetzgeber

„nicht danach gefragt hat, ob diese >>transsexuelle Prägung<< Wertigkeit einer krankhaften oder seelischen Störung hat […]. Daraus ist zu schließen, dass ein Krankheitsaspekt […] für eine Entscheidung zur VÄ und PÄ nicht von Belang ist. Und obwohl nun der Krankheitsaspekt nicht von Belang ist, ist es in der TSG-Gutachtenpraxis zur Gepflogenheit geworden, […] nach der Lehre der Psychopathologe zu begutachten.“ (S.162)

Das das TSG Verfahren von vielen transsexuellen Menschen als rein subjektive Willkür der Gutachter erlebt wird, bestätigt Güldenring ebenso:

„Geschlechtsbestimmung unterliegt gesetzlich delegiert der rein subjektiven Blickweise des/der Gutachter_in.“ (S. 163)

und im Blick auf die Petition will ich besonders folgende Aussage von Anette Güldenring betonen:

„Krankheitswert ist im SGB zwingende Voraussetzung, im TSG nicht.“ (S.165)

Und darum fordern wir eine Verankerung der präventiv-medizinischen Behandlung transsexueller Menschen zusätzlich zu §6 des Selbstbestimmungsgesetzes auch im Sozialgesetzbuch. Dort wird auch die präventiv-medizinischen Behandlung von Frauen in einer Risikoschwangerschaft geregelt. Schwangerschaft ist wie Transsexualität keine Krankheit im eigentlichen Sinn – aber wenn man in so einem Fall keine medizinische Hilfe bekommt, treten Komorbiditäten (Folgeerkrankungen) wie z.B. Depressionen oder Suchterkrankungen etc… auf, die letztlich die Gesamtheit der Versicherten unnötig belastet. Darum macht präventiv-medizinische Versorgung transsexueller Menschen mehr Sinn, als abzuwarten, bis sie wirklich krank geworden sind und z.B. wegen einer Depression wochenlang in eine psychiatrische Klinik müssen.

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neulich wurde ich gefragt, warum der Begriff „Geschlechtsidentität“ von

manchen transsexuellen Menschen kritisch gesehen wird. Das Unbehagen mancher transsexueller Menschen / NIBD im Blick auf den Begriff „Geschlechtsidentität“ hängt damit zusammen, dass man Identität normalerweise versteht als  „vollkommene Übereinstimmung“ bei zwei gegebenen Größen (so Wikipedia zum Begriff „Identität“ – eingesehen am 18.6.2017)) bzw. Übereinstimmung von „Merkmalen“, die als „wesentlich erachtet werden“ (ebd.).
Das bedeutet im Blick auf Geschlecht meist
– eine dogmatische Setzung von zwei vorhandenen Geschlechtern;
– die Meinung, man könne für diese beiden Geschlechter klare Merkmale definieren (z.B. bei Geschlechtsverkehr gibt es Nachkommen – also ist eine Ehe nur dann „gültig“, wenn es Nachkommen gibt).

Das aber entspricht nicht der Erfahrung der Vielfalt von Geschlecht. Weder führt Geschlechtsverkehr automatisch zu einer Schwangerschaft – es gibt vielmehr viele ungewollt kinderlose Paare. Noch kann man Geschlecht biologisch klar und eindeutig messen. Das funktioniert nicht einmal – wie viele noch in der Schule lernten – im Blick auf die Geschlechtschromosomen, wie Prof. Dr. H.J. Voss (in seinem Buch „Geschlecht – wieder die Natürlichkeit“) oder Prof. Dr. M. Solms zeigen.

Ähnlich wie beim Phänomen „Licht“ meinen wir in unserem Alltagsverständnis, es sei völlig eindeutig, was Geschlecht sei. Doch das täuscht. Der Physiker Werner Heisenberg machte im Blick auf das Licht deutlich, dass man nie eindeutig sagen kann, ob Licht als Teilchenphänomen oder als Welle zu verstehen ist. Ähnliches gilt für das Geschlecht: Je genauer man hinsieht, desto schwieriger wird es, von einer Binarität von Geschlecht auszugehen (wer dazu mehr wissen will, dem sei das Buch „Das Gehirn und die innere Welt“ von Mark Solms und Oliver Turnbull empfohlen – dort gibt es ein ausführliches Kapitel, in dem Solms deutlich macht, wie Transsexualität sich im Rahmen der embryonalen Entwicklung als Variante des Menschseins entwickeln kann).

Wieso aber scheint uns die Binarität von Geschlecht so selbstverständlich, wie man sie zum Beispiel in den Schöpfungsmythen der Genesis vorfindet?

Dr. Horst Haupt erklärt das in seinem Artikel „Neurointersexuelle Körperdiskrepanz – Grundsätzliche Überlegungen in Richtung neurophänomenologischer Zugänge zu Mustern geschlechtlicher Vielfalt“ (veröffentlicht in: Gerhard Schreiber, Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften, 2016).
Dr. Haupt  macht deutlich, wie unser Gehirn letztlich sehr schnell Wahrnehmungen in Muster einteilt und einsortiert. Das gilt auch im Blick auf das Thema Geschlecht. Denn „in den letzten Jahren wurde insbesondere von den Neurowissenschaften auch das Gehirn als Geschlechtsorgan definiert.“ (ebd., S.79). Die „Wahrnehmungen meines eigenen, für mich fremden Geschlechtskörpers […] sind nicht zu objektivieren, da die Körperwahrnehmung immer durch einen subjektiven Aspekt gekennzeichnet ist. Eine Person, die ‚bei sich‘ noch nie Körperdiskrepanz wahrgenommen hat, kann wohl auch die leiblich-körperliche Qualität²⁵ der Körperdiskrepanz bei anderen nicht gänzlich beurteilen.“ (ebd. S.82)
Der Neurowissenschaftler V.S. Ramachandran (Ramachandran / Blakeslee, Die blinde Frau, die sehen kann, S. 381) erklärt an Hand eines Bildes, auf dem man zunächst nur viele Punkte sieht, dann aber bei längerer Betrachtung einen Dalmatiner, wie das Gehirn letztlich immer versucht, Muster zu finden und wenn diese einmal gefunden wurden, sich dieser Erkenntnisprozess auch nicht mehr rückgängig machen lässt. Das gilt auch im Blick auf das Geschlecht: Viele Menschen ordnen die Wahrnehmung eines anderen Menschen sehr schnell in das Muster „weiblich“ oder „männlich“ ein. Und das gilt auch für die Selbstwahrnehmung des eigenen Geschlechts:
„Wer Wahrnehmungen erlebt hat, wird daran festhalten, sie ‚brennen‘ sich gewissermaßen ‚ins Gehirn‘ ein. Von daher wird auch verständlich, wieso die Erlebnisse der Fremdheit des Geschlechtskörpers oder die ersten beglückenden, spontanen geschlechtskörperlichen Kongruenzerlebnisse künftig einmischungsresistent sind. Auch wenn z. B. Angehörige oder Partner_innen derlei als ‚Einbildung‘ zu bagatellisieren versuchen – künftig sind derartige persönliche Erfahrungen nicht mehr hintergehbar. Sie können allenfalls vorübergehend verdrängt werden.“ (Haupt, ebd. S.83) Gleichzeitig aber kann es – im Blick auf das Beispiel des Dalmatiners – viele unterschiedliche Assoziationen zu diesem Hund geben. Und das gilt auch im Blick auf die Frage der Geschlechtszuordnung.

Darum betont Haupt: „Forscher, die nach stereotypen Verarbeitungsmustern (etwa auf der Verhaltensebene) suchen, werden den vielfältigen subjektiven Möglichkeiten nicht gerecht. Es lassen sich keine Verhaltensweisen oder andere ‚Reaktionen‘ objektivieren, an denen man ‚transsexuelle Menschen‘ sicher erkennen könnte.“ (ebd., S. 84).

Im Blick auf die Ausgangsfrage nach dem Begriff der „Geschlechtsidentität“ bedeutet das, das man eben nicht klare und objektivierbare „Merkmale“ definieren kann, was männlich oder weiblich genau ist und das es schon gar keinen Sinn macht, transsexuelle Menschen auf Grund vermeintlich objektiver Merkmale begutachten zu wollen. Vielmehr muss man die Selbstaussage eines Menschen im Blick auf sein Geschlecht akzeptieren. Daher ist die Stuttgarter Erklärung und die Einführung des neuen Selbstbestimmungsgesetz auch so wichtig.
Genau deshalb braucht es auch eine gründliche Auseinandersetzung mit der Phänomenologie und der Subjektwissenschaft und qualitativ-evidenzbasierte Forschung, wenn man transsexuellen Menschen gerecht werden will.

Ich hoffe, dass nun manchen Leser_Innen deutlich wurde, warum transsexuelle Menschen / NIDB ein Unbehagen im Blick auf den Begriff der „Geschlechtsidentität“ empfinden und lieber von „Geschlecht“ reden. Das ist auch der Grund, warum bei der aktuellen Petition zum Selbstbestimmungsgesetz der Vorschlag gemacht wurde, anstelle von  „Geschlechtsidentität“ immer von „Geschlecht / Geschlechtsidentität“ zu reden bzw. im Gesetzestext lieber den Begriff „Geschlecht“ zu verwenden.

In einer facebook Gruppe gab es zum Begriff „Geschlechtsidentität“ und einer kritischen Sicht dazu folgende Kommentare:

„Wenn bei cissexuellen Menschen von Geschlecht und bei transsexuellen Menschen von Geschlechtsidentität gesprochen wird, ist das ein Problem.“

„Finde das Wort Identität aber auch schwierig. Identität ist ja etwas Wandelbares und zeigt einfach wo wir uns zugehörig fühlen. (z.B. identifiziere ich mich nicht unbedingt mehr als Anime/Mangafan, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ich Animes schaue und Mangas lese. Ich sehe nur den Lifestyle dahinter nicht mehr wirklich als Part meines Lebens und fühle mich nicht wirklich der Szene so zugehörig.) (Identifikation scheint was zu sein was uns auch zeigt welcher Gruppe wir uns zugehörig fühlen, so gesehen ist Geschlechtsidentität vielleicht eher ein Wort was man bei einer Genderdiskrepanz als bei einer Körperdiskrepanz verwenden würde. Also eher dann wenn man sozial sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, als dann wenn man merkt Körper und Körperschema passen nicht zueinander.)“

Identität ist das Ergebnis. Aber es ist wichtiger, die Ursache oder den Kern zu benennen. Cissexuelle Menschen haben auch eine Geschlechtsidentität, aber sie reden trotzdem immer von Geschlecht. Machen wir das anders, implizieren wir, dass wir gar nicht das „eigentliche“ Geschlecht meinen, sondern eben nur so eine Identität, die davon „abweicht“. Das ist genau das gleiche Problem wie mit dem „sich als etwas fühlen oder empfinden“. Es suggeriert einfach etwas Falsches. Die Botschaft wird falsch verstanden.<<

Dr. Horst Haupt schrieb dazu:

1: die Wahrnehmung des Geschlechtskörpers (geschlechtlicher Aspekt von Gesicht und Stimme) bei anderen Personen ist beim Säugling bereits in den ersten 6 Monaten intakt und im Alter von 6 Monaten ist die individuelle Gesichtserkennung am besten entwickelt. Danach wird sie eher schlechter (Stereotypenbildung). Die Fähigkeit geschlechtliche leibliche Antworten zu verstehen, besteht also lange, bevor die Sprach- und die ICH-Funktionen einsetzen. Ein Selbst wird im Spiegel erst mit 18 bis 24 Monaten erkennt. Daher gehen die Neurowissenschaften heutzutage davon aus, dass die Alterität, also das Wahrnehmen und Erkennen des Anderen, allen Ich-Selbst-Identitätsbezogenen Funktionen vorgelagert ist.

2. Die Wahrnehmung des Körpers erfolgt, lange bevor er als „EIGENER“ Körper erscheint bzw. wahrgenommen/erkannt wird. Bei Kindern, bei denen Körperglieder von Geburt an fehlen, z.B. Amelie der Arme (also angeborenes Fehlen der Arme, Abrachie) nach einer Thalidomid-Embryopathie (Dysmelie-Syndrom), kann trotzdem die Vorstellung eines Gesamtkörperschemas entstehen, was auf das Vorhandensein einer genetischen Grundlage hinweist. Hier bestehen Phantomgliedwahrnehmungen: Phantomempfindungen sind nicht-schmerzhafte Wahrnehmungen in einem angeborenen fehlenden bzw. amputierten Körperteil. Wir wissen, dass transsexuelle Menschen Phantomgliedwahrnehmungen haben. Und zwar in beträchtlichem Ausmaß.

Es ist sicher im Weiteren zu untersuchen, in wieweit frühe Spiegelungen ausgehend vom Anderen (z.B. Bezugsperson) in den Leib hinein die innere Phantom-Schablone aktivieren. Also der, die, das geschlechtlich Andere die Phantombrüste und Phantompenisse quasi „wachküsst“. Das sind wesentliche Themen des Autographenbuchs.

Angesichts dieser Fakten sind die Diskussionen über „Geschlechtsidentität“ als wenig weiterführende Phantasien und Simulationen einzustufen. Meiner Meinung wird es Zeit, sich den eigentlichen Themen zuzuwenden: Im Zuge des Autographenprojekts werden wir die Erkenntnisse der sozialen Neurowissenschaften integrieren (–> Alterität) und auch die Literatur zu angeborenen Phantomgliedmaßen aufarbeiten. In den Autographen zeigen sich ja detaillierte Schilderungen von Phantomgliedempfindungen (Phantombrüste, Phantompenisse).

Geschlechtsidentität ist ein abzulegender alter Hut.

Update: Dr. Claudia Haupt formulierte am 10.8.2017 in einem öffentlichen facebook-Eintrag, wie sie Transsexualität erklärt und warum sie den Begriff „Geschlechtsidentität“ ablehnt.

Hauptkritikpunkt ist bei vielen transsexuellen Menschen, dass „Idendität“ gar nicht auf die körperliche Ebene eingeht, die sie selbst als das Kernproblem (vor einer Geschlechtsangleichung) erleben. Der Begriff „Geschlecht“ selbst umfasst dagegen sehr wohl die körperliche Ebene und ist nicht nur ein mehr oder weniger theoretisches Konstrukt.
Aus ähnlichen Gründen betonen viele transsexuelle Menschen auch die „2 T“ Sprachregelung, wie man sie in der Abkürzung LSBTTIQ findet. Einerseits möchte man mit anderen zusammenarbeiten und eine Koalition bilden – andererseits geht es darum, die Eigenheiten und speziellen Bedürfnisse der unterschiedlichen Koalitionspartner zu respektieren und nicht zu verwischen (deshalb kritisieren auch viele das „*“, weil es eben nicht deutlich macht, welche Bedürfnisse eine bestimmte Gruppe hat). Transsexuelle Menschen betonen dabei sehr häufig die körperliche Notwendigkeit, sich an das neurogen verankerte Geschlecht (Hirngeschlecht) mit medizinischer Hilfe anzugleichen. Bei Transgendern gibt es dagegen auch welche, die keine oder nur eingeschränkte medizinische Maßnahmen brauchen/wollen (z.B. verstehen sich manche Crossdresser auch als Transgender, lehnen aber med. Maßnahmen ab).
Wie wichtig die körperliche Ebene und entsprechende medizinische Angleichungsmaßnahmen für transsexuelle Menschen sind, kann man auch gut mitbekommen, wenn man in der Mediathek die Sendung Nachtcafe mit Nina Jaros ansieht. Ich habe selbst in der Sendung Brückenschlag (BR Fernsehen) diese körperliche Ebene betont und Frau Dr. Bernutz, meine Endokrinologin war bereit, dazu mehr zu berichten.

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Fernsehhinweis: Fr. 16.6., 22.00 Uhr SWR

Nachtcafe zum Thema „starke Frauen“ unter anderem mit Nina Jaros, die selber bloggt und über die der Berliner Kurier und andere Medien berichteten. Als transsexuelle Frau twittert sie auch und erzählt im Blog von ihrem Kampf mit der Krankenkasse.
Ich bin gespannt auf die Sendung!

Update: Nina hat nun selbst dazu gebloggt.

Update: Wer die Sendung verpasst hat, kann sie noch hier in der Mediathek des SWR ansehen. Und noch eine Bitte: Nina wollte eigentlich auf die Petition für ein neues Transsexuellenrecht hinweisen – aber das wurde geschnitten. Darum hier der Link zur Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/selbstbestimmungsgesetz-selbstbestg-jetzt-beschliessen

 

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